"Turmfalken" lassen die Fahnen flattern

 

Rund 200 Stufen sind es, die eine Gruppe Schützenbrüder der St. Pankratius-Schützengilde mehrmals im Jahr bewältigt. Zu diesem „Trainingsprogramm“ kommt noch eine körperlicher Kraftakt: die Fahnen am Kirchturm werden von einem guten Dutzend Männer zu kirchlichen Festen auf- und anschließend wieder abgehangen. Die Belohnung für diese Mühen ist eine einmalige Aussicht auf die Glockengießerstadt.

Es ist früher Abend, als wir die „Turmbesteiger“ vor der St. Pankratius-Kirche treffen. „Ich geh heute nicht mit; mein Knie macht mir zu schaffen!“ – „Und meine Hüfte schmerzt“ so der Nächste. „Ich hatte heute so einen stressigen Tag; ich bleib auch unten!“, so der Dritte. Küsterin Marie-Luise Neuhaus nimmt den großen Schlüsselbund und schließt die Türen auf.  Am Schluss waren sie alle dabei, als der Aufgang zum Turm geöffnet worden war. Gut 100 Stufen müssen auf der Wendeltreppe bewältigt werden. Dabei ist der Aufgang bis zur Orgelbühne „nur ein Klacks!“ Weitere fünfzig Stufen bedarf es bis zur Glockenstube. Hier hängen die fünf, nach dem Krieg neugegossenen, Bronzeglocken. Im Moment gönnen wir ihnen nur einen kurzen Blick, denn unser Weg führt weiter in die Höhe. Über eine enge und steile Holzstiege geht es, vorbei an wuchtigen und mächtigen Holzbalken sowie an lichtdurchfluteten Fenstern in den unteren Bereich des „Turm-Helmes“ mit den Ausguck-Luken. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den vier „Uhr-Schlag-Glocken“, die den Glockenschlag des „BIG-Ben“ in London imitieren. Sie hängen in der nördlichen Luke.  In knapp vierzig Höhe kommen die Fahnen zu ihrem Aushang. Nur über Leitern geht es weiter in die Spitze des 78-Meter-hohen-Turmes, der uns jedoch aus Sicherheitsgründer verwehrt wird.

Thomas Hisker, Rainer Klümper und Hermann Kramer kennen ihre Handgriffe. "Wir haben schließlich Übung!“ meinte Thomas Hisker, der beruflich in der Glockengießerei tätig ist.. Es dauert keine  Stunde bis dass die Fahnen den Festtag künden. „Wir müssen nur darauf achten, dass auch die richtigen Farben genommen werden!, so Rainer Klümper. Gelb-Weiß an allen Festtagen; rot-weiß an Pfingsten, Grün-weiß an den Schützentagen usw.

„Vor elf Jahren, 2005, beging die Schützengilde St. Pankratius ihr 400-jähriges Bestehen“ erinnert sich Hermann Melis. „und wir traten mit der Bitte Fahnen am Kirchturm aufzuhängen an den damaligen Pfarrer Udo.Diepenbrock.“ Damit stieß man bei ihm sofort auf offene Ohren, jedoch mit einem „Pferdefuß“. Nicht nur zum Jubiläum der Schützengilde, sondern auch zu weiteren kirchlichen Festen sollten die bunten Fahnen vom Kirchturm wehen.

„Innerhalb kürzester Zeit hatten wir eine Truppe innerhalb der Gilde gefunden, die die Aufgabe des Fahnenauf- und –abhängens übernehmen wollte, erzählt Präsident Bernrd-Theo Grimmelt. „Der schwerste Akt war wohl, als wir das gesamte Equipment, von der Schraube über Laschen und dem entsprechendem Werkzeug bis hin zu den langen Fahnenstangen in den Turm schleppen mussten“, so Josef Klümper, der Senior der Truppe.  Die Stangen waren nun mal nicht elastisch und das erwies sich in dem Wendelgang mehr als problematisch.

Einziger Dank für die „Turmfalken“ wie sie sich selbst nennen, ist die herrliche Aussicht über die Glockenstadt, die nur wenigen vergönnt ist. An einem Sonnentag ist der Aufstieg und die Aussicht ein Vergnügen. Doch die „Turmfalken“ kennen auch ganz andere Situationen. „Die Fahnen wehten im starken Wind, waren dermaßen vom Regen durchnässt und dementsprechend schwer, dass wir sie kaum in das Turminnere holen konnten“ erinnert sich „Turmfalken-Chef“ Willi Lammerding. Zu den "Turmfalken" gehört auch Notburga Melis, die die Fahnen regelmäßig wäscht, bügelt und gegebenenfalls repariert. Marie-Luise Neuhaus ist jedenfalls froh, als alle Turmbesteiger unbeschadet wieder unten angekommen sind. Jetzt kann sie  nach der „Turmbesteigungs-Überstunde“ sämtliche Türen der Pfarrkirche abschließen.

Trotz mancher Widrigkeiten werden die St. Pankratius-Schützen auch in Zukunft an der Tradition festhalten, den Turm der St. Pankratius-Kirche mit Fahnen zu schmücken. „Was sind schon 200 Treppenstufen?!...“

Text und Fotos: Schulenkorf